Möllenberg tritt nicht mehr an

Interview mit Franz-Josef Möllenberg

"NGG lebt von den Menschen"

21 Jahre Vorsitzender von NGG: Franz-Josef Möllenberg (Fotos: Santiago Engelhardt)

Aus dem Lebenslauf

Franz-Josef Möllenberg ist seit 1975 bei der Gewerkschaft NGG beschäftigt - zuerst war der ausgebildete Bankkaufmann als Gewerkschaftssekretär und ab 1978 als Geschäftsführer in Hagen/Westfalen tätig. 1990 wurde er zum Hauptkassierer in den Geschäftsführenden Hauptvorstand der NGG gewählt. Seit dem Außerordentlichen Gewerkschaftstag 1992 in Düsseldorf ist Franz-Josef Möllenberg Vorsitzender der NGG. Beim Gewerkschaftstag 2013 kandidiert er nicht erneut.

 

Interview*

Franz-Josef, nach dem Gewerkschaftstag bist Du nicht mehr NGG-Vorsitzender. Wie fühlt sich das an - nach 21-jähriger Amtszeit?

 

Einerseits freue ich mich, denn auf mich warten ganz neue Erfahrungen, Begegnungen und Kontakte. Aber es erfüllt mich auch mit Wehmut, denn mein Leben ist Gewerkschaft. Ich bin jetzt seit 44 Jahren Gewerkschaftsmitglied. 2015 werde ich auf 40 Jahre NGG zurückblicken können, davon 21 Jahre als Vorsitzender.

 

 

Wenn du zurückblickst: Was waren die besonderen Herausforderungen in dieser Zeit und wie hat NGG sie unter deiner Führung gemeistert?

 

Die Erfahrung der deutschen Einheit gehört sicherlich dazu. Am 1. Juli 1990 haben wir die NGG DDR gegründet und sie mit der „alten“ NGG am 1. Dezember 1990 zu einer NGG zusammengeführt. Das war nicht ganz leicht: organisatorisch wie finanziell. Tatsache ist, dass wir immer noch nicht die gleichen Verhältnisse in Ost und West, aber teilweise auch nicht in Nord und Süd haben.

 

Eine weitere Herausforderung war sicherlich auch, dass wir bei den Veränderungen in der Gewerkschaftslandschaft oft als Übernahmekandidat gehandelt worden sind, es uns aber dennoch gelungen ist, eigenständig zu bleiben. Wir haben so einige Abwehrschlachten überstanden, auch wenn es mitunter hieß, Gewerkschaften seien Dinosaurier. Auch gab es Versuche der Arbeitgeber, die Arbeitszeiten zu verlängern, anstatt sie zu verkürzen. Leider ist es uns nicht gelungen, mehr Mitbestimmung in den Betrieben durchzusetzen. Dabei hat sich gerade die Mitbestimmung in der Finanzkrise bewährt und Deutschland bisher vor Schlimmerem bewahrt.

 

 

Gibt es etwas, was du noch gerne zu Ende gebracht hättest?

 

Natürlich hätte ich es gerne gesehen, wenn noch in meiner Amtszeit ein bundesweit einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde eingeführt worden wäre. Schließlich zeigen aktuelle Umfragen, dass 83 Prozent der Deutschen ihn befürworten, darunter auch zahlreiche CDU-Anhänger. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass unsere Kampagne für einen gesetzlichen Mindestlohn ein Hilferuf ist. Ein gesetzlicher Mindestlohn kann immer nur die zweitbeste Lösung sein. Schließlich wollen wir als Gewerkschaft Tarifverträge abschließen. Wenn sich aber immer mehr Arbeitgeber dieser Verantwortung entziehen und die Arbeitnehmer sich nicht ausreichend organisieren, sind wir gezwungen, nach dem Gesetzgeber zu rufen.

 

Natürlich hätte ich es auch gern gesehen, dass das Renteneintrittsalter nicht auf 67 Jahre angehoben, sondern auf 65 zurückgeführt wird. Gerade viele unserer Mitglieder werden nicht so lange durchhalten. Hier hat die Politik Umgebungseinflüsse wie Hitze, Lärm, Licht, Schichtarbeit etc. nicht genügend berücksichtigt. Damit Menschen gesund in Rente gehen können, muss natürlich auch der Gesundheitsschutz noch weiter in den Vordergrund gerückt werden. Und wir müssen bessere Übergänge in die Rente schaffen. Aber von den guten Ideen und Lösungen, die die Gewerkschaften haben, müssen die Arbeitgeber und die Politik überzeugt werden.

 

Für eine Ideallösung bei der Krankenversicherung hätte ich im Übrigen eine Bürgerversicherung gehalten, in die alle einzahlen: vom Kellner bis zur Anwältin. Stattdessen haben wir es ja schon fast mit einer Drei-Klassen-Medizin zu tun. Das kann nicht gutgehen. Das treibt eine Gesellschaft auseinander. Genauso halte ich die so genannten Minijobs für eine tickende Zeitbombe. Sie werden dazu führen, dass immer mehr Menschen - insbesondere Frauen – auch im Alter auf staatliche Unterstützung angewiesen sein werden.

 

*Auszug, das vollständige Interview mit Franz-Josef Möllenberg wurde auf ww.ngg.net veröffentlicht.

 

 

 

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